Café Morgenland

Redebeitrag „Jetzt erst recht! Offensiv gegen Nazigewalt und Rassismus – Solidarität mit den Angegriffenen!“
- Antifa Demo, Neukölln, 25. März 2017

Deutschland Premium SuperPlus: Rechter Terror freitalmäßig alltäglich überall

Ein gezielter neonazistischer Angriff bedarf in der Regel der logistischen Vorbereitung der Tat, ohne ihnen die Fähigkeit zu spontanen Handlungen abzusprechen. Listen erleichtern da. Fein und sauber zusammengetragen, Fotos dürfen nicht fehlen, das Ganze zuvor aller Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht, angekündigt. August 2016, mitten im anhaltenden rassistischen Pogrom 2.0. Alle Jahre wieder. Mehrere gezielte neonazistische Angriffe bedürfen zur Ausführung und Entfaltung einer intensiveren gesellschaftlichen Vorbereitung, d.h., der Akzeptanz und das Herbeiwünschen der Tat seitens der autochthonen Population. Dafür ist diese entsprechend (selbst) konditioniert und abzurichten. Es ist Deutschland. Und Neukölln ist überall. Nichts leichter als das. Ertragreicher Nährboden ist hinreichend vorhanden. Es genügt, ein paar Fetzen des Wissens aus der Vergangenheit abzurufen und voilà: Es läuft wie geschmiert, jeden Tag und fast jede Stunde.

Wie wohl sonst sollte die Nazi-Terror-Serie in Neukölln als auch fernab des Szenekiezes, immer freimütiger in aller Öffentlichkeit angekündigt und ausgeführt zu enträtseln sein? Wie sonst sollten die Morde an Burak Bektaş und an Luke Holland zu verstehen sein? Die Ermordung von Mohammed Abo Hassan Anfang Februar 2017, nähe Ubahn Grenzallee tot aufgefunden, syrischer Geflüchteter, bleibt als rassistische Tat erst noch zu widerlegen. Wäre nicht die Beharrlichkeit und Ausdauer der „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş “, wäre auch dieser unaufgeklärte Mord längst Fußnote der Antifa Chronik geworden. Vielleicht noch nicht einmal das. Im allerbesten Fall wäre es eine Steilvorlage für irgendeinen Bühnenauftritt mit Lobpreisung auf die Gesellschaft der Vielen, wie dies aktuell mit der NSU-Mordserie geschieht. The show muss go on!

Wenn wir also über „Neuköllner Verhältnisse“ (wie der Alltag dieses Bezirk massenmedial stets als negative Konnotation genannt wurde, wird und auch anderswo, wo sich Ängste und Sorgen gegen die auf die Bibel geschworene Islamisierung dieses Dreckslandes explosiv entladen) reden wollen, dann müssen wir mindestens 10 Jahre zurückblicken und spätestens mit der allseits bekannten / verhassten Rütli-Schule anfangen. Unvergessen hier der Millieuschutzselbstbeauftragte Heinz Buschkowsky, stolze 15 Jahre Bezirksbürgermeister stets mit rigider Law&Order Politik, und nicht weniger versessen Thilo Sarrazin, sozialdemokratisch vereint mit Genosse Klartext, auch über einen Bestseller, Deutschland Katalysator. Da war Neukölln im Ganzen übrigens bereits 1988 schon sehr einfallsreich mit der “Berliner Türkenbeseitigungs Gang”. Nicht zuletzt und unvergessen das linksdeutsche Gehabe, als diese ihr Herz und Beschützerinstinkte für Schwule und Frauen in Neukölln entdeckten und die Schwarzköpfe als Übel und Explosivstoff für das „friedliche Zusammenleben“ anprangerten. Schon damals Neuköllner Verhältnisse. 2006 betitelt die Jungle World die Rütli-Schule-Hetze mit der Frage „Islam siegt?“, um nur einen der vielen Artikel dieser Wochenzeitung beim Wetteifern um die beste Aufmachung in Sache deutsche Hässlichkeiten zu erwähnen. Denn die „Islamisierung“ Neuköllns galt es mit allen Mitteln zu verhindern. Innerhalb eines Jahres avancierte Neukölln zum Symbol für gewalttätige, homophobe, frauenverachtende, kriminelle Schwarzkopfbanden und Familienclans. Die Liste der deutschen Gewaltfantasien war und ist schier endlos. Neukölln wurde kurzerhand zur No-Go-Area für anständige Deutsche und zum Problembezirk der Stadt und ganz Restdeutschlands erklärt. Mit allen Konsequenzen: Politiker*innen, Sozialarbeiter*innen, Polizei, Massenmedien, links wie rechts, vor allem links, fielen über den Bezirk her, zumindest in den Norden, und wetteiferten um das bessere Konzept und Befriedungsmittel. In einem solchen Klima ist die zwangsläufige Konsequenz im Land der Deutschen, die gezielte Durchführung von Anschlägen gegen alles was nicht deutsch genug stinkt.

Das eine ist mit dem anderen und dem großen Ganzen namens Deutschland aufs engste verflochten. Auch wenn in linksdeutscher Manier die gepflegte Trennung bevorzugt wird: rechte Gewalt gegen eins selber, rassistische Gewalt gegen die andern. Mit dazu Ignoranz gegen alles was nicht deutsch genug kotzt und Rückzug in eigene Parallelgesellschaft im Szenekiez. Dass Deutschland das Land des Antisemitismus ist, wird den Schwarzköpfen verordnet. Im besten Fall taucht das autochthone Potential ab und als Vervollständigung von Zahlenmaterial in irgendwelchen Statistiken auf.

2017 geht es nirgendwo als ebenda in diesem Neukölln voran. Ende Januar setzt die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung ein deutliches Zeichen gegen die Nazi-Terror-Serie und Alltäglichkeit rechter, rassistischer Gewalt: Bezirksstadtrat wird Bernward Eberenz, AfDler, türkischsprachig, keinerlei Erfahrung als Berufspolitiker, übernimmt ein für ihn eigenes kreiertes Amt als Leiter für Umwelt und Natur. Im fünften Anlauf endlich erfolgreich, das Alltagsgeschäft muss vorangehen, das darf nicht durch eine Zusammenarbeit mit der AfD behindert werden. So geschieht es. Diese Zusammenarbeit ist durch die deutsche Norm normalisiert. Wie zu Beginn gesagt: Konditioniert. Neuköln ist Köln 2017.

Neukölln ist ein Ort für Nazis und ihres breiten Umfeldes, die ihren Hass nicht nur auf Schwarzköpfe beschränken wollen, sondern gegen alles vorgehen, was ihrem Welt- und Deutschlandbild nicht entspricht. Die „Kein Ort für Nazis“ Wimpel Kampagne, auf arabisch übrigens komplett falsch geschrieben, schon etwas peinlich, die eine allochtone Population des Kiezes weiß hier sicherlich zu helfen, wird das nicht grundlegend verändern; sie karikieren die Normalität. Allen ist nur zu raten den Selbstschutz zu organisieren. So gut wie möglich und so lange wie nötig.

In diesem Sinne,

Wenn Nazis angreifen, müssen wir dafür sorgen, dass sie dies nie wieder tun!

Solidarität ausnahmslos mit allen Betroffenen des Nazi Terrors und den Angehörigen und Freund*innen von Burak Bektaş.

24. März 2017
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